Beim Lackieren entsteht ein "Geistereffekt"

  • Moin,


    wir haben eine SM 52 4-Farben ohne Lackwerk. Mitunter kommt es vor das wir Aufträge im vierten Farbwerk lackieren, wahlweise mit Matlack oder Dispolack. Gestern habe ich einen Umschlag beidseitig lackiert. Heute Morgen war dann ein Geister Effekt zu sehen. Das heißt das sich das Druckbild im Lack spiegelt. Als ich den Bogen heute nochmal lackierte war der Effekt weg. Bin gespannt wie der Bogen Morgen aussieht. Hat jemand ne Idee wo das herkommt.


    Danke

  • wenn man nicht Nass-in-Nass lackieren kann(sprich 4 farbig + Lack in einem Durchgang), muss man den Schöndruck erst lackieren, bevor man den Widerdruck angeht.
    So kann man die Problematik des Geistereffekts verhindern.
    Falls das Kind schon in den Brunnen gefallen ist,wie bei euch,hilft wenn überhaupt nur noch ein zusätzlicher Lackdurchgang.

  • Hättet ihr erst eine Seite bedruckt, dann diese Seite lackiert und danach den Bogen erst Umschlagen(bzw die Rückseite bedruckt) und und die RS lackiert, wäre kein Geistereffekt aufgetreten.
    Ich bin froh, das ich mich dem Problem nicht mehr herumschlagen muss.Bei der 10-Farben wird immer Nass- in Nass lackiert.

  • Hallo Nordic Printer,

    ich nehme mal an, du hast eine Seite bedruckt, dann umschlagen und die zweite Seite bedruckt. Und dann hast du eine der beiden mit einem Öldrucklack lackiert. Und am Morgen danach fand sich ein Glanz-Matt-Effekt auf der Lackfläche, der das Bild der unlackierten Gegenseite wiedergab. Das ist ganz offensichtlich der klassische Geistereffekt. Der tritt unter so schwer berechenbaren Bedingungen auf, dass es praktisch keine Zusammenstellung von Maschineneinstellung, Farbe, Feuchtmittel und Bedruckstoff gibt, die klar verdächtig wäre und dann auch einfache, vorbeugende Maßnahmen erlaubte. Es gibt zuverlässig nur den Rat, den Morodin gibt: erst eine Seite komplett bedrucken und lackieren, dann die zweite angehen. Dagegen sprechen oft auch ein paar andere Gründe wie Kratzergefahr usw. Aber eine sichere Vermeidung geht nur so.

    Woher kommt er? Die Farbe verfilmt im Stapel, wenn sie über Nacht trocknet. Das ist ein chemischer Vorgang, bei dem u. a. mittelflüchtige (halbwegs verdunstbare) Substanzen entstehen, die zusammen mit etwas vom Verdünner, z. B. Mineralöl, aus der Druckfarbschicht ausgasen. Wo auf der Gegenseite Blanko ist, werden sie darin aufgesogen. Die bedruckten Partien sind aber dicht. Also schlagen sie sich dort auf der Lackoberfläche nieder und verursachen den Glanz-Matt-Effekt.

    Man sollte beim Verdacht auf Geistern auf jeden Fall möglichst bald lüften, damit die Dünste aus dem Stapel können. Das kann so einfach gut gehen.

    Es gibt ein paar grobe Erfahrungen, die aber auch nie ganz zuverlässig stimmen. Sehr glänzend (also dicht) gestrichene Papiere scheinen empfindlicher als andere. Aber meist steht das Papier fest. Kastenfrische Farben scheinen kritischer als unverzögerte. Aber wer verwendet heute noch Farben ohne Frischhalteeffekt? Der putzt sich an seiner Maschine zum Pittermännchen gegen Hautpartikel und Butzen.

    Man kann auch ganz auf Dispersionslack umsteigen. Der kennt keine oxidative Verfilmung (die Stapeltrocknung der Offsetfarben und –lacke) und gast auch nichts aus. Oder man muss den ganzen Job in einem Lauf drucken – wenn man so eine Maschine hat.

    Dir zum Trost: Es gibt eine Vielzahl von Geistereffekten mit unterschiedlichsten Ursachen. Sie sind eines der interessantesten Themen für den Unterricht, über das man Stunden sprechen kann. Aber in der Praxis nerven sie und kosten Geld.

    Viele Grüße & ciao
    Inkman

  • Hallo Nordic Printer,


    da ölbasierende Systeme grundsätzlich im Bogenoffset durch oxidative Trocknung aushärten, werden bei diesem Prozess sogenannte „Spaltprodukte“ erzeugt. Diese können bei einigen Papierqualitäten einen Geistereffekt erzeugen. Dabei handelt es sich um eine partiell auftretende Veränderung des Papierstrichs der Rückseite des nächsten Druckbogens im Stapel. Eine anschließende Dispersionslackierung kann den Effekt entweder neutralisieren oder aber auch verstärken.


    Anbei einmal eine Auszug aus der Untersuchung eines global arbeitenden Farbenherstellers, welcher sehr anschaulich die verschiedenen Arten der Geistereffekte beschreibt.


    Geistereffekt, Kontaktvergilbung, Glanz-Mattstellenbildung
    Die Bezeichnung Geistereffekt sehen wir als Oberbegriff für zwei verschiedene Erscheinungen, die im Bogenoffset auftreten, nämlich die Kontaktvergilbung und die Glanz-Mattstellenbildung.


    Geistereffekt
    Beide Erscheinungen können letztlich auf den gleichen Entstehungsmechanismus zurückgeführt werden. Bei der oxidativen Trocknung reagiert Leinöl oder andere pflanzliche Öle oder Alkydharze mit Luftsauerstoff. Bei dieser oxidativen Vernetzung der Pflanzenöle entstehen in geringen Mengen Spaltprodukte - gasförmige Aldehyde und Ketone - die auch für den typischen Geruch trocknender Bogenoffsetfarben charakteristisch sind. Beim Trocknen im Stapel entweichen diese Spaltprodukte aus der Druckfarbenschicht des Schöndrucks und dringen in die darüberliegende unbedruckte Rückseite des Papiers ein. Dabei kann es zu Wechselwirkungen mit unterschiedlichen Auswirkungen kommen.


    Kontaktvergilbung
    Reagieren die Spaltprodukte in der Weise mit dem Papierstrich, dass eine Vergilbung der Papierrückseite auftritt, so wird von Kontaktvergilbung gesprochen. Die vergilbten Bereiche auf der Widerdruckseite stehen dabei genau den Druckmotiven des Schöndrucks gegenüber. Eine Ursache für die Vergilbung ist eine Reaktion, die zum Abbau des optischen Aufhellers im Papierstrich führt – dadurch tritt die ursprüngliche Färbung des Papiers wieder zutage. Bekannt ist auch eine Reaktion zwischen Papierstrichkomponenten und den Spaltprodukten, die zur Bildung gelber Verbindungen führt. In der Vergangenheit war der Einsatz von Kasein im Papierstrich ein typisches Beispiel für ein Risiko zur Kontaktvergilbung. Das heimtückische an der Kontaktvergilbung ist, dass – wie es der Begriff Geistereffekt andeutet – die generelle Möglichkeit zur Vergilbung bei jedem Bogenoffsetdruck gegeben ist, dass aber nicht vorausgesagt werden kann, ob der Effekt tatsächlich auftritt. Somit können auch keine absolut sicheren Vorgehensweisen zu seiner Vermeidung angegeben werden – einige Hinweise sind jedoch möglich. Besonders ausgeprägt ist die Kontaktvergilbung dann, wenn die Schöndruckseite sehr schwere, scharf begrenzte Druckmotive aufweist – nach Möglichkeit sollte diese Seite im Widerdruck gedruckt werden. Hohe Farbschichtdicken ergeben logischerweise eine größere Menge an Spaltprodukten – die Vermeidung von Überfärbung und der Einsatz von UCR- oder Unbuntaufbau ist deshalb hilfreich. Verläuft die oxidativ Trocknung besonders rasch, so ist ebenfalls mit einer größeren Wahrscheinlichkeit zur Kontaktvergilbung zu rechnen – hierbei hilft ein Verzicht auf IR-Trocknung und den zusätzlichen Einsatz von Trockenstoffen in Farbe oder Feuchtmittel. Eine Inline-Dispersionslackierung bildet innerhalb weniger Minuten eine „Schutzschicht“, die die Wanderung der gasförmigen Spaltprodukte in die darüberliegende Bogenrückseite erschwert. Auch die Vermeidung von sehr langen Stapelzeiten sowie gelegentliches Lüften des Stapels haben sich als vorteilhaft erwiesen. Ist trotz aller Vorsichtsmaßnahme Kontaktvergilbung aufgetreten, so kann dieser Effekt nicht mehr rückgängig gemacht werden. Eine Lackierung mit Öldrucklacken kann jedoch aufgrund der Eigenfärbung der Drucklacke den Kontrast etwas reduzieren und den Kontaktvergilbungseffekt schlechter erkennbar machen.


    Glanz-Mattstellenbildung
    Auch die Ursache für Glanz-Mattstellenbildung ist bei der Reaktion zwischen Spaltprodukten der oxidativen Trocknung und Papierstrichkomponenten zu suchen. In diesem Fall führt dies jedoch nicht zu einer sichtbaren Verfärbung des Papiers, sondern zu unsichtbaren Veränderungen des Papierstrichs. Diese zeigen ihre Auswirkungen erst, wenn im Widerdruck die Rückseite bedruckt wird. An den „vorbehandelten“ Stellen ist das Wegschlage-, Farbannahme- oder Trocknungsverhalten der Farbe verändert. Dies wirkt sich in regionalen Glanzunterschieden aus. Dabei erscheint der Druck in den veränderten Bereichen häufig als matter – es werden jedoch auch dann und wann Glanzsteigerungen beobachtet. Ebenfalls berichtet wird von gelegentlichem Auftreten von Glanz-Mattenbildung bei der Lackierung mit Dispersions- oder UV-Lacken. Selbst beim Auftrag der Kleber für eine Folienkaschierung wurde in Einzelfällen Glanz-Mattstellenbildung beobachtet. Die Risikofaktoren und Vermeidungsstrategien zum Auftreten von Glanz-Mattstellenbildung sind dieselben wie bereits für die Kontaktvergilbung beschrieben. Sind Glanz-Mattstellen im Druck aufgetreten, ist häufig eine zusätzliche Lackierung mit Dispersionslack hilfreich. Der Glanz der Lackschicht nivelliert die Glanzunterschiede der darunterliegenden Farbschichten. Aber auch die Glanz-Mattstellenbildung verhält sich wie ein echter Geistereffekt: weder kann die Erscheinung vorhergesagt werden, noch können Vermeidungsmaßnahmen mit Erfolgsgarantie festgelegt werden und ebenso wird eine Überlackierung nicht in allen Fällen den Glanz-Matteffekt zum Verschwinden bringen.


    Sollten die Druckbogen inline mit Dispersionslack bedruckt worden sein, ist eine Verringerung bzw. Vermeidung des Geistereffekts durch Erhöhung der Dispersionslackschicht möglich. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Geistereffekte meist durch die Wahl eines anderen Bedruckstoffes eliminiert werden können, da die Strichzusammensetzung wesentlichen Einfluss auf das Erzeugen von Geistereffekten hat.


    Eine nachträgliche Überlackierung mit Dispersionslack hilft meistens nicht, es sei den sie erfolgt direkt und ohne Wartezeit in ausreichender Schichtstärke (=viel höher als normal).


    Ich hoffe das hilft Dir weiter!
    Viele Grüße,
    Baddi

  • Danke Baddi für die Umfangreiche Antwort, ich hab jetzt das Zeug genommen, hat ganz gut funktioniert. Wird leider nicht mehr hergestellt, ich hab nur noch eine Dose bei uns im Lager gefunden. Wir brauchen ja nur den Schutzeffekt. Also kein Abrieb und schnelle Weiterverarbeitung.




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