Frage 46, Trocknung von Dispersionslacken, 2

  • Wieso ist ein Dispersionslack nach der Trocknung wasserfest, obwohl er vorher hauptsächlich Wasser enthielt?


    meine Antwort: [spoiler]


    Hier liegt ein chemischer Vorgang vor. Wir würden es „Ausfällung wasserunlöslicher Fettsäuren“ nennen. Und jetzt seht ihr, warum keiner Lust hat, darüber zu reden...


    Die Bindemittel (polymere Acrylate) liegen in der Form organischer Säuren vor. Sie sind nicht wasserlöslich, sondern haben einen ausgesprochenen Fettcharakter. Ihre Säurefunktionen sind zwar pro Makromolekül nur wenige, verleihen ihm aber die Fähigkeit, in alkalischer Umgebung (Lauge) in die Salzform überzugehen. Und diese Salzform löst sich zwar nicht klassisch in Wasser, weil die Makromoleküle dafür zu groß sind. Sie werden als Anionen aber so polar, dass sie sich gut in Wasser verteilen (als Emulsion wie Milch) und gerne auch so bleiben.


    Als Lauge nimmt der pfiffige Bindemittelhersteller wässrige Ammoniaklösung (inzwischen raffiniertere Derivate davon). Sie führt die Bindemittelmoleküle (die polymeren Acrylate) in die Salzform über und macht sie leicht in Wasser verteilbar.


    Trocknet der Lack (oder die „wasserbasierte“ Farbe, schrecklicher Jargon, aber leider üblich), dann verdunstet nicht nur das Wasser. Mit ihm verfliegt auch der Ammoniak, weil er sich nur im Wasser hält. Dadurch verwandelt sich das Bindemittel wieder in die alte Säureform - und ist fortan wasserfest.


    Der Trick hat natürlich auch einen Haken: So eine Lackierung ist nur gegen Wasser oder Säuren beständig. Jede Lauge löst sie wieder an. Damit ist auch gleich klar, wie wir Lackspritzer von der Maschine waschen, nämlich z. B. mit Seifen. Wenn Sie es versuchen, verwenden Sie bitte nicht eine teure Duschseife von zu Hause. Diese sind oft pH-neutral, für unseren Zweck also ungeeignet. Besser ist hier ein leicht alkalisches Reinigungsmittel, das der Lackhersteller gegen Entgelt gerne mitliefert.


    Damit verstehen wir auch, warum S+W-Lackierungen mit Dispersionslacken besondere Risiken haben: Während die zweite Bogenseite trocknet, findet sich im Gasraum des Stapels Feuchte und Ammoniak, bzw. die entsprechende Base. Gerade mit deren Hilfe kann die Feuchte den schon getrockneten Lack der ersten Seite wieder anlösen, obwohl der doch wasserfest trocken war.[\spoiler]